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Colonie Westende. Gartenstadt mit Strand.

Die Geschichte der Cranzer Sommersiedlung "Colonie Westende" reicht zurück in die Zeit nach Ende des Ersten Weltkriegs. Am  westlichen Stadtrand, wo sich auf den Ländereien des Grafen von Batocki bis dahin nur die Flügel einer einsamen Windmühle drehten und hinter dem "Seewäldchen" im Schutz der Dünen der Weg nach Rosenau hinausführte, ließen sich um 1918 herum erste wohlhabende Königsberger kleine Sommerhäuser bauen. 

 

Schnell wuchs daraus das beliebteste Wohnviertel des Seebades. Zehn Jahre später nahm die Kolonie schon den Charakter einer kleinen Siedlungsstadt an mit Straßen in Schachbrettbrettmuster und den typischen Gartengrundstücken. Die neuen Häuser wurden nun schon in Stein gebaut und so ausgestattet, dass sie auch im Winter bewohnt werden konnten. In den frühen 1930er Jahren entwarf ein Münchener Architekt acht Haustypen eigens für das Cranzer Westende. Ein leicht süddeutscher Einschlag ist auch heute noch an manchen Häusern auszumachen - etwa an der Form der Balkone.

Binnen wuchs "Adolphshöhe"

Die ersten Häuser der "See-Colonie
Westende" standen direkt am Kliff

Das eigentliche historische Westende erstreckte sich beideseits der alten Graf-von Keyserlingk-Straße, der heutigen uliza Gagarina, parallel zur Küste. Zunächst nah am Kliff: Alte Schwarz-Weiß-Fotos zeigen hölzerne Sommerhäuser direkt an der Promenade. Schon um 1921 begann sich das Viertel binnenwärts auszudehnen. Zwischen dem einstigen Gut Ziegenfeld und dem "Seewäldchen" wächst als Teil der Kolonie Westende die Siedlung Adolphshöhe. Deren größter Teil entstand wohl erst als typisches Siedlungsprojekt der 1930er Jahre – wahrscheinlich bereits nach dem Beginn der Nazizeit.  Manche der alten Straßennamen klingen denn auch arg national: Hindenburgstraße, Tannenbergstraße.... Hier in Adolphshöhe steht, an der einstigen Ecke Bergstraße/Hindenburgstraße, auch unser Haus.

 

Eine Luftaufnahme aus dem Jahr 1928 und auch ein historischer Stadtplan etwa aus der Zeit dokumentieren: Dort, wo heute die Siedlungshäuser stehen, war damals noch Acker. Nicht einmal die Andeutung einer Straße ist zu erkennen.

 

Originalfotos aus der Entstehungszeit, alte Postkarten etc. sind über dieses vom eigentlichen historischen Cranzer Stadtzentrum recht separiert gelegene Viertel kaum zu finden. Dazu war es als reines Wohnquartier und Sommerfrische vielleicht zu unbedeutend oder schlichtweg zu jung. Interessant sind Unterlagen eines Architektenwettbewerbs, ausgeschrieben von der Deutschen Bauhütte: Es ging darum, einen "landschaftsgerechten" Haustyp für das Westend zu zeichnen.

Das Kindererholungsheim entstand
in den 1930er Jahren
Siedlungshaus im Westend und
im Hintergrund die alte Cranzer Mühle

Im Lauf der Jahre "zugewachsen"

Einstige Bewohner des Westends wie der inzwischen verstorbene, zuletzt bei Wismar lebende Armin Tischel erinnerten sich noch gut daran, wie Westende-Adolphshöhe in der Gründungszeit aussah: eine helle, grüne Stadtrandsiedlung, einer Gartenstadt ähnelnd, mit unbefestigten, von Staketenzäunen, gepflegten Vorgärten und Obstgärten gesäumten Wegen.

 

"Die Bäume waren natürlich klein, zum großen Teil gerade erst gepflanzt. Dadurch war der Eindruck im Westend ganz anders als heute, wo inzwischen viele Grundstücke regelrecht zugewachsen sind", erinnerte Tischel sich. Der gebürtige Cranzer ist in der benachbarten früheren Tannenbergstraße aufgewachsen, knapp hundert Meter von unserem Haus entfernt. Seine Eltern bauten dort 1936/37 ein kleines Siedlungshaus, es steht leider nicht mehr. Im Sommer 2007 wohnte Armin Tischel eine Woche bei uns, um zum ersten Mal seit 1945 seine alte Heimat wiederzusehen. Er machte seinen Frieden mit dem alten Cranz. Ein halbes Jahr später ist er gestorben...

Begehrtestes Wohnviertel

Stadtteil im Grünen: Das Westende heute...
... putzt sich Stein für Stein wieder heraus

Vom Krieg blieb das Westend wie die gesamte Stadt weitestgehend verschont, direkte Kampfhandlungen gab es in Cranz nicht.

 

In sowjetischer Zeit kamen in der Siedlung dutzende Häuser dazu, zum Teil massiv auf den Fundamenten abgerissener alter hölzerner Sommerhäuser, zum Teil wurden alte Villen erheblich umgebaut. In Adolphshöhe begann in den 1970er Jahren der Bau mehrerer großer Wohnblocks bis an die Bahnlinie nach Swetlogorsk heran. Diese hässlichen architektonischen Relikte des Sowjetsozialismus sind heute das einzig Störende im altehrwürdigen Cranzer Westend, das sich zum begehrtesten und teuersten Wohnviertel von Selenogradsk gemausert hat. Überall wird gebaut, auf geteilten Parzellen entstehen neue, zum Teil palastartige Villen. Und wenn eines der alten Siedlungshäuser aus der Vorkriegszeit nicht abgerissen, sondern "renoviert" wird, dann meist im neurussischen Türmchenstil. Die Zeiten ändern sich...